Sie sind nicht zu übersehen; Sie sind nicht zu unterschätzen! Zum Internationalen Frauentag 8.März (mein Artikel ist veröffentlicht im Ost-West-Kontakt OWC)

Achtung! Gefahr vom Osten: russische Frauen kleiden sich ungewöhnlich weiblich, aber im Geschäft sind sie knallhart. Das irritiert gleichermaßen männliche wie weibliche Deutsche. Aus Sicht der russischen Frauen können sie sich das „leisten“, ihre Weiblichkeit zur Schau zu stellen, denn sie fühlen sich so weit emanzipiert, dass sie es nicht nötig haben, sich den männlichen Erscheinungsnormen anzupassen. Hinzu kommt, dass die meisten Russen viel Wert auf Kleidung und Äußeres legen – sowohl Frauen als auch Männer.

Aber nicht zu äußerlich verhalten sich russische Frauen im Businessbereich anders als ihre Geschlechtsgenossinnen hierzulande. Ihre Teilnahme am Geschäftsleben ist einerseits offenkundiger, andererseits subtiler; aber auf jeden Fall größer als der der Frauen in Deutschland. Grund genug, anlässlich des Internationalen Frauentag diesem Thema nachzugehen.

Geschichte der russischen Emanzipation

In Russland wird der Internationale Frauentag erst seit 1913 gefeiert, seit 1966 ist es ein offizieller Feiertag in der Sowjetunion, und Russland hat diese Tradition im Jahre 2002 übernommen. Weitere Beispiele für Länder, wo sowohl Frauen als auch Männer an diesem Tag frei haben: Turkmenistan, Kuba, Nepal.  In China und auf Madagaskar haben nur Frauen an diesem Tag frei.

Zurück nach Russland. Die Emanzipation in Russland ist fast 100 Jahre alt. Es war Lenins Ehefrau, Gefährtin und Kameradin Nadeschda Konstantinowna Krupskaja, die die Gleichberechtigung der Geschlechter nach der Oktoberrevolution 1917 in einem Gesetz verankern ließ. In der Ehe mit dem späteren Führer Russlands lebte die Lehrerin, die mehrere Fremdsprachen beherrschte, die Gleichberechtigung vor. Ihr politisches Programm, das Krupskaja „Die arbeitende Frau“ nannte, wurde übrigens erstmals in München, im Jahre 1901, gedruckt.

Das Ideal der selbstständigen Frau, die aus freien Stücken, ohne finanzielle Not oder aus einem Anlehnungsbedürfnis heraus, eine Partnerschaft mit einem Mann einging, führte „zwangsläufig“ dazu, dass die Frau eine gute Ausbildung genießen und dementsprechend gleichwertige Arbeiten übernehmen konnte. Der Haushalt sollte von beiden bestritten werden, wobei der Staat durch die Bereitstellung von großen und preiswerten Reinigungsbetrieben und Küchen-Fabriken für Erleichterungen im Alltag sorgte. Mit der Arbeitsteilung im Haushalt und bei der Kindererziehung hapert es noch, in Sachen Ausbildung, Professionalität, sowie der Selbstverständlichkeit eines hochqualifizierten Jobangebotes für Frauen – das hat die russische Gesellschaft inne, und zwar seit Generationen.

Es ist ganz selbstverständlich, dass es an den technischen Universitäten die gleiche Anzahl von männlichen und weiblichen Studentinnen gibt. Ingenieurinnen sind in Russland keine Exotinnen wie in Deutschland, insbesondere in den westlichen Bundesländern. Russische Frauen machen Karriere nicht nur in hierzulande „typisch weiblichen“ Bereichen, wie Personal, Finanzen, Recht, sondern leiten auch Strategiedepartments, verantworten Technologie, EDV oder Qualitätsmanagement.

 

Gender auf Russisch in der Praxis

Zwei Beispiele: Im Weltall sind russische Frauen zwar weniger unterwegs als ihre männlichen Kollegen, aber immerhin weit mehr als ihre ausländischen Kolleginnen. Valentina Tereschkowa war 1963 die erste Kosmonautin. Swetlana Sawizkaja war zweimal im All und sie war die erste Frau, die im offenen Weltraum gearbeitet hat. Elena Kondakowa war die erste Frau, die an einer langen Expedition in dem Weltall   im Jahre 1994 teilnahm. Übrigens, wie für viele Berufsbezeichnungen, gibt es in der russischen Sprache (grammatikalisch) für „Kosmonaut“ keine weibliche Form. Инженер, врач, профессор („inzhener, vratsch, professor“) gelten gleichermaßen für Ingenieure und Ingenieurinnen, Ärzte und Ärztinnen, Professoren und Professorinnen.

Ein anderes Beispiel: Sogar in einem Unternehmen, das aus deutscher Sichtweise  als konservativ gilt bzw. zumindest einer konservativen Brache zugeordnet wird, bei Gazprom, leitete bis vor kurzem als Vorstandsmitglied Frau Vlada Rusakova den Bereich Strategie. Die Achtundfünfzigjährige gutaussehende Ingenieurin ist aktuell als stellvertretende Vorstandsvorsitzende im Gespräch. Sie soll in Zukunft die perspektivische Entwicklung sowie die Projetentwicklung bei Gazprom verantworten (Forbes vom 18.01.2012).

Aus Sicht der deutschen Menschen, die beruflich mit russischen Menschen zu tun haben, sind solche Fälle, in denen eine Frau deutlich erkennbar Professionalität und Macht besitzt, die einfachsten. Viel komplizierter kann es werden, wenn vermeintlich machtlose, sprachlose, nur „hübsch anzusehende“ Frauen in der russischen Delegation sich als Frauen, die das Sagen haben, entpuppen. Werden sie vom westlichen Geschäftspartner unterschätzt (oder wird der Umgang mit ihnen so empfunden), entwickeln sie sich zu Göttinnen der Rache. Schlimmer noch: der als „stumpfer arroganter Macho“ abgestempelter Teilnehmer der deutschen Delegation wird unbarmherzig bekämpft – selten im offenen Kampf, also während der Verhandlungen, aber beim Formulieren des Protokolls oder spätestens beim Umsetzen bzw. Nichtumsetzen des Vereinbarten.

Deswegen: egal, was ein deutscher Manager von Frauenemanzipation hält, egal wie weiblich die russischen Spezialistinnen, Managerinnen, Übersetzerinnen aussehen; sie sollten die gleiche professionelle Wertschätzung erfahren, wie ihre männlichen Kollegen, ihre Meinung sollte erfragt werden, der Blickkontakt muss öfters hergestellt werden, auch auf das Risiko hin, dass der Blick in das Dekolleté gleiten könnte.  Dies ist verzeihlich, eine Nichtbeachtung der Person, Unterwertschätzung der Expertin – nicht!

Deutsche Frauen haben es hier normalerweise einfacher. Am besten versuchen sie  eine freundschaftliche, fast kumpelhafte Beziehung mit ihren russischen Kolleginnen aufzubauen. Ein Angebot des gemeinsamen Shoppings ist kein Fauxpas, sondern ein Vertrauensbeweis – und die Chance, miteinander wärmer zu werden, persönlicher. Es bedeutet keinen Zeitverlust, sondern ist eine Zeitinvestition in einer Geschäftsfreundschaft. Gut fürs Geschäft und gut für die deutschen Frauen, die hier einen „unfairen“ Wettbewerbsvorteil ihren männlichen Kollegen gegenüber umsetzen können.

8. März – Ihre große Chance!

Die Bedeutung des Internationalen Frauentages hat sich stark gewandelt: Aus einem Tag des Kampes für Frauenrechte wurde ein Tag der Verehrung der Frau als solche. An diesem Tag werden tonnenweise Blumen, Flusse von Parfüms und der eine oder andere Diamant verschenkt: an die Ehefrauen, Geliebten, Mütter, Töchter, Schwerstern. Von Ehemänner, Geliebten, Söhnen und Töchtern, Vätern und Brüdern. Auch männliche Kollegen, Chefs und Mitarbeiter müssen „ran“. Blumen sind das Mindeste, gute Pralinen  und französische Parfüms sind kein Tabu. Außerdem bereitet jedes mehr oder weniger ausgeprägte männliche „Kollektiv“ ein Unterhaltungsprogramm für die Arbeitskolleginnen. In allen Branchen und Bildungsschichten kann ein Konzert mit musikalischen, humoristischen und gar tänzerischen Darbietungen monatelang während der Arbeitszeit vorbereitet und am letzten Arbeitstag vor dem 8.März dargeboten werden.

Daraus resultieren folgende praktische Empfehlungen:

–       für Anfang März sollten keine Verhandlungen und Arbeitstreffen geplant werden, deren Vorbereitungen viel Zeitinvestition auf russischer Seite erfordern,

–       alle russischen Kolleginnen und Geschäftspartnerinnen sollten an diesem Tag gratuliert oder besser beschenkt werden: Blumenpost, Versand von Süßigkeiten, zumindest sollte sie am 7. oder 9.März eine Blumenkarte erreichen. Westliche Geschäftsleute punkten umso mehr, weil es von ihnen nicht erwartet wird.

–       wenn am 8. März doch ein Meeting stattfinden muss, sollte es nach Möglichkeit in ein Geschäftsessen umgewandelt werden, an dem auf „Здоровье прекрасных дам!“ (das Wohl der schönen Frauen) geprostet wird, und zwar im Stehen. Dies würde sicher auch deutschen Frauen gut tun. Sie wiederum gratulieren ihren ausländischen Kolleginnen mit einer netten Mail oder einer Einladung zu einem Glas Sekt „между нами девочками“ (unter uns, Mädels).

Last but not least, spätestens am 8.März wird es getanzt, auch nach Geschäftsessen im Restaurant und auf einer Betriebsparty sowieso. Zum Beispiel mit Musik von Alla Pugacheva – DER russischen Frau!

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