Ausgabe November: Anrede, Ansprache, Aussprache

 

Kennen Sie das? Sie bekommen eine Visitenkarte, können aber den Nachnamen
Ihres russischen Partners nicht aussprechen? Keine Sorge, ihm geht es
ähnlich. Die Alphabete sind zu verschieden, die Transkription führt oft in die
Irre.

Das Gute dabei, Sie können bald ganz auf zungenbrechende russischen Nachname ganz verzichten. Das heißt: Sie sollten es sogar anstreben.

Denn im Russischen gibt es eine Sie-Ansprache mit Vornamen. Sie, Natalija. Sie, Sergej.

Diese Form beinhaltet Respekt, aber auch Vertrauen und Wärme. Sie schafft eine
perfekte „Goldene Mitte“ zwischen geschäftlicher Distanz und menschlicher
Nähe. Zusätzlicher Vorteil: Diese Anrede lässt sich perfekt ins Englische
übersetzen. Und, wie gesagt, erspart es Ihnen das Stottern bei der Aussprache von
„Tschetschenin“, „Belouchova“ oder Schaposchnikov“.

Es gibt noch eine Sie-Form im Russischen: Mit Vornamen und einer
Abwandelung des Vornamen des Vaters. So, zum Beispiel, heißt mein Vater
Roman, und die russische Sie-Form, die sehr viel Respekt und auch Distanz
zollt, heißt „Irina Romanovna“. Der Vater von Michail Gorbatschow hieß
Sergej, deswegen wird er in Russland „Michail Sergejewitsch“ genannt, und das
hat er gemein mit dem großen russischen Dichter Alexander Puschkin, der von
Russen nur als „Alexandr Sergejewich Puschkin“ genannt wird.

Diesen empfehle ich allen, die an das Geschäft mit Russland nur denken, zu lesen:
Poesie, Prosa, Briefe. Obwohl im XIX Jahrhundert gelebt, bedeutet Puschkin
noch immer eine tragende Säule der russischen Kultur. Und ein Schlüssel zu
der russischen Seele.

Puschkin widmete sich auch dem Thema der Ansprache, als er ein Du und Sie
verglich. Im romantischen, nicht im geschäftlichen Kontext. Hier ist die
Übersetzung von Friedrich Fiedler, ebenfalls aus dem XIX Jahrhundert. Als
kleine Kostprobe für Puschkin und ein Zitat zum Thema der Anrede auf
Russisch:
 

 

A.S. Puschkin

„Du“ und „Sie“

Sie sagte statt des leeren „Sie“
Das traute „Du“ mir aus Versehen –
Und schon verheißt die Phantasie
Erhörung meinem Liebesflehen!

Ich schau sie an glückseliglich,
Nach jedem ihrer Blicke geizend;
Ich spreche laut: „Wie sind Sie reizend!“
Und denke still: „Wie lieb ich dich!“

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