September – Ausgabe: „Konzert“

Das Thema des Monats sind ein Film und ein Konzert bzw. der Film, der „Konzert“ heißt. Dem französischen Regisseur Radu Mihaileanu , der selbst in Rumänien aufgewachsen ist, gelang es ein Meisterwerk des interkulturellen Managements zu schaffen.

Zunächst einmal passt das Genre des Films zu diesem Thema: Tragikomödie. Wie oft nach einem unglücklich verlaufenen Meeting mit Teilnehmern aus unterschiedlichen Kulturen weiß man nicht so genau, ob Weinen oder Lachen angebrachter ist. Und der Film ist zu empfehlen, weil am Ende das Menschliche über alle Grenzen – geographische, ideologische und kulturelle – obsiegt.

Ich bin sicher, Ihnen den Spaß nicht zu verderben, wenn ich kurz den Anfang der Geschichte erzähle, denn es gibt in diesem Film noch viel mehr zu entdecken als nur das Drehbuch! Die Handlung spielt in unserer Zeit und beginnt in Moskau. Der ehemals berühmte Dirigent eines immer noch berühmten Orchesters arbeitet nun als Hausmeister im Konzerthaus, denn er wurde vor dreißig Jahren herausgeworfen, weil er sich weigerte, die Regimekritiker, die dazu noch Juden waren, aus dem Orchester auszuschließen. Das Bolschoj Orchester, wie im Film, gibt es zwar nicht, es ist wohl eine Mischung aus dem „Bolschoj Theater“ und dem Moskauer Symphonie Orchester, dessen Chefdirigent Evgenij Swetlanow ein  ähnliches Schicksal erlitt wie der Dirigent im Film. Auf dem Faxgerät des Direktors entdeckt der Dirigent aus dem Film eines Tages ein Fax, in dem ein französisches Konzerthaus anfragt, ob das Orchester in zwei Wochen für ein storniertes Konzert einspringen kann. Zunächst im Geheimen seiner Frau gegenüber, zusammen mit dem nächsten Freund, dem ehemaligen Orchestranten und nun dem Fahrer für Notdienst für psychisch Kranke Sascha, fängt er an, sein eigenes Orchester aufzustellen. 57 Musiker! Der Sascha wird auch zu dem Fahrer des autolosen und wahrscheinlich führerscheinlosen Dirigenten. Zuerst geht er zum ehemaligen Parteiboss des Orchesters, der sein wichtigstes und – vorerst – letztes Konzert abgebrochen hat und für den Rauswurf vom Dirigenten und den „Untreuen“ gesorgt hatte. Dieser ist immer noch ein Kommunist, wobei ziemlich einsam: für die Parteikundgebungen muss er Komparsen einkaufen, diese Dienstleistung übernimmt für ihn – Tragikomödie! – die Ehefrau des gekränkten Dirigenten. Aber er war und ist der beste Manager, spricht – nun ja – fast perfekt Französisch und kann verhandeln. Sie ahnen, die verrückte Sache gelingt doch, und als das Orchester in Paris ankommt, wird klar, dass der parteitreue Manager seine eigene Agenda hat: die alten Seilschaften zu französischen Kommunisten zu aktivieren und für eine 100% Abstimmung (wie damals) für Linientreue auch in Paris zu sorgen.

Zurück zum interkulturellen Kontext des Films. Sie werden hier Russen erleben, die – wie soll es auch anders sein! – unpünktlich, undiszipliniert, zu direkt, leidenschaftlich und permanent am improvisieren sind. Der französische Direktor meint am Anfang des Films, dass es mit Russen viel angenehmer sein wird als mit „blöden langweiligen“ Amis, die abgesagt haben. Das nimmt er dann zurück sobald nur zwei Musiker zur Generalprobe erscheinen. Im Konzert selbst jedoch, wird er ergriffen vom Meister und seiner bunten Truppe, die sich plötzlich als eine Vereinigung der Koryphäen erweist, und so schließt er seinen Frieden mit der russischen Kultur und den Russen.

Wenn Sie den Film sehen – sie haben es ja schon gemerkt, ich empfehle es Ihnen – versuchen Sie die crosskulturelle Spannung Russisch-Französisch aus dem Film auf das interkulturelle Paar Russisch-Deutsch zu projizieren. Denn laut der kulturellen Dimensionen vom niederländischen Professor Hofstede, sind die Franzosen mal den Deutschen und  mal den Russen näher. Zum Beispiel in der Dimension „Unsicherheitsvermeidung“ liegen  die Russen mit ihren 75 Punkten weit höher als die Deutschen (65), aber die Franzosen noch höher als die Russen (86). Die Machtdistanz lassen die Russen nach Hofstede besonders stark spüren (und akzeptieren diese leicht) – 91 Punkte! Die Deutschen mit ihren 35 Punkten liegen quasi auf der anderen Seite der Scala, und die Franzosen so gut wie auf der Mitte zwischen den beiden: 68 Punkte. Im Film kann man oft die Differenzen auf dem Gebiet „Individuell versus Gemeinschaft“ verfolgen. Und gerade in dieser Kulturdimension liegen Deutsche und Franzosen nah bei einander (67 und 71 respektive) und beide recht weit weg von den Russen mit ihren 47 Punkten. Sicher, sie werden erleben, dass das Individuelle im postsowjetischen Russland nun doch eine größere Rolle spielt, die Zeiten ändern sich, der gute alte Hofstede kommt veraltet vor. Sie werden aber im Film auch erleben, wie wenig dreißig Jahre sind für eine Geschichte und für eine Kultur.

Also der Film lohnt sich allein wegen des lehrreichen Stoffs für das interkulturelle Management. Für die Fortgeschrittenen empfehlenswert ist den Film in Originalversion (Russisch und Französisch)  auch wenn sie eine von beiden oder sogar die beide Sprachen nicht sprechen. Der Sound der Sprachen ist wunderbar, fast so schön wie Tschaikowski, der im Konzert am Ende des Films ausgiebig zu hören sein wird! Wobei Tschaikowski für Harmonie und die Sprachen oft für Disharmonie stehen. Aber so ist das Leben im spannenden interkulturellen Umfeld. Im Kino gibt es die deutschen Untertitel, die Sie durch dieses emotionale Chaos führen werden. Und im richtigen Leben reichen wir Ihnen die Hand: irina@interkulturell.eu

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