Interkulturelle Unterschiede im Business und im Garten

 Garten in Russland ist nicht Garten in Deutschland

Die Popularität des Gartens wächst in Deutschland. Neue Tendenzen wie junge Paare im Schrebergarten oder Urlaub im eigenen Haus mit Garten, ermöglichen ein rasantes Wachstum der Gartenwirtschaft. Ebenfalls ein ökonomischer Faktor ist der Garten in Russland. Nur nicht für die professionellen Gärtner, sondern auch für die Gärtner, der meistens „Datscha“ genannten Refugien.

Eine repräsentative Umfrage (www.wciom.ru) vom Juli dieses Jahres, weist 3% der Gärtner als solche aus, die ihre Arbeit im Garten für ein Zusatzeinkommen durch den Verkauf ihrer Erzeugnisse sehen. 65% begründen ihre Arbeit auf der Datscha damit, dass die landwirtschaftlichen Erzeugnisse in den Läden und auf dem Markt „Chemie“ von schlechter Qualität wären. 27% der Befragten meinen durch ihre eigene Ernte sparen zu können. Was die Umfrage nicht beleuchtet, aber dafür kann ich bürgen: kaum jemand in Russland würde einen Garten zum rein ästhetischen Vergnügen anlegen.

Nutzgarten: eine Frage der Definition

Neulich hatte ich zu Besuch in Berlin eine russische Wissenschaftlerin, die in Prag arbeitet. Zusammen besuchten wir die Liebermann-Villa am Wannsee. Mit einem sarkastischen Lächeln vernahm Frau Professorin, dass der Künstler seinen selbst geplanten und nun wiederhergestellten Garten als „Nutzgarten“ bezeichnete. „Diese zwei Kleckse Beeten mit Salat und Kräutern inmitten einer großzügigen Blumenpracht soll ein Nutzgarten sein? Bei uns in Russland wäre das Unnutzgarten heißen. Oder meinte er Nutzen für seine Gesundheit, darin zu arbeiten? Hat Liebermann seinen Garten selbst bewirtschaftet?“ Klar, Arbeit in der frischen Luft ist auch nützlich für Körper und Seele. Immerhin begründen 27% der besagten Studie ihre Arbeit auf der Datscha mit der Liebe zur Arbeit mit Mutter Erde, die meisten von ihnen – Einwohner mittelgroßer Städte.

Wie oft wie weit wie lange fahren?

Bei den Bewohner der Metropolen ist es die logistische Hürde, die sie von der Erde trennt: um aus der der Moskauer Innenstadt auf die Datscha rauszukommen, brauchen sie mindestens zwei Stunden Fahrzeit, am besten Samstags früh, wenn die Wahrscheinlichkeit von Staus gering ist. Auf der Rückkehr ist Stop-and-Go vorprogrammiert. Und wie oft fahren die Russen im Durchschnitt auf ihre Datschas: 11% – ein Paar Mal im Jahr, 26% bis 6 Mal im Monat, 30% – 2-3 Mal in der Woche, 16% – fast jeden Tag und 8% verbringen den ganzen Sommer auf der Datscha. Und noch eine Zahl: 40% der Russen haben eine Datscha!

Garten und Datscha als perfektes small talk Thema und der Weg zur Geschäftsfreundschaft

Wenn das nicht DAS Thema für einen small talk im Herbst wäre? Aber bitte fokussieren Sie sich dabei nicht auf Stauden oder auf englische Wiesen. Eine bewundernswerte Tomate oder zumindest gesunde Kräutersorten findet mehr Anklang bei ihrem russischen Gesprächspartner.

So ein small talk bringt sie näher, vielleicht soweit, dass Sie schon bei Ihrer nächsten Dienstreise nach Russland auf der Datscha empfangen werden. Unbedingt die Einladung annehmen, aber bitte die richtige Kleidung für den richtigen Nutzgarten nicht vergessen! Deutsche werden in Russland als fleißig und tüchtig bewundert, enttäuschen Sie nicht diese Erwartung. Und von Luftqualität außerhalb der großen Städte und von der körperlichen Betätigung profitieren Sie ebenso.

Read more: www.interkulturell.eu

 

WTO heißt auf Russisch WTO, Import-Export – genauso, nur die Schreibweise trennt die Begriffe voneinander

Jedoch die Bewertung des Beitritts Russland zur Welthandelsorganisation ist unterschiedlich.

Die deutschen Manager und Wirtschaftsmedien vernehmen die Ratifizierung der Verträge durch die Duma mit Erleichterung.

Meldung in der Frankfurter Allgemeinen  vom 10. Juli: „Die russische Staatsduma hat am Dienstag mit den Stimmen von 238 der 447 anwesenden Abgeordneten dem Beitritt des Landes zur Welthandelsorganisation (WTO) zugestimmt. Damit endet ein seit 1993 währender Verhandlungsmarathon. Russland ist das letzte große Schwellenland, das nun nach Ablauf von 30 Tagen in den Kreis der 155 WTO-Länder aufgenommen wird. Experten erwarten von dem Beitritt eine Stimulierung des Wettbewerbs, sinkende Preise, ein größeres Warenangebot, umfangreiche Liberalisierungen und Reformimpulse, Bürokratieabbau und nicht zuletzt einen gesicherten Rechtsrahmen, der das strapazierte Investitionsklima fördern und ausländische Geldgeber anlocken wird“.

Russische Medien sind da skeptisch und begründen ihren Pessimismus mit der Stimmung in der Wirtschaft und in Politik.

So berichtet beispielsweise die zentrale russische Wirtschaftszeitung Vedomosti ebenfalls am 10. Juli: „Die Abgeordneten haben über die Empfehlungen der Regierung zum Schutz der Interessen der einzelnen Branchen abgestimmt. Im Entwurf einer Verordnung der Staatsduma (liegt dieser Zeitung vor) waren 148 Empfehlungen — der betreffenden Branchen und der Wirtschaft insgesamt. Die Ideen sind — bis zur Revision der Steuerpolitik, zum Beispiel, der Ersatz der Mehrwertsteuer durch die Steuer auf Verkäufe. Die Abgeordneten sind im Begriff, den russischen Unternehmen aus den betroffenen Branchen die Präferenz bei den Staatseinkäufen anzubieten sowie Unterstützungen und verschiedene Ermäßigungen zu gewähren. Insbesondere muss ab dem Tag des Inkrafttretens des Protokolls über den WTO-Beitritt das vierteljährliche Monitoring geführt werden, z.B. über die Einfuhr der Waren, den Einfluss auf den Produktionsumfang  und über den Anteil am Binnenmarkt von ähnlichen Waren russischer Herkunft.“

Nicht umsonst versuchte der Leiter der russischen Delegation bei den Verhandlungen über Beitritt der Russischen Föderation zur WTO Maxim Medvedkov die Erwartungen der deutschen Manager zu dämpfen (Jahreskonferenz Russland in Berlin am 28. Juni 2012, wegweiser): „Beitritt Russlands zur WTO ist keine Revolution, sondern Evolution!“

Read more: www.interkulturell.eu

 

Überraschungen gegen Stereotype im internationalen Geschäft am Beispiel: Russen und Buddha

Das sind die berühmten Zufälle, die keine Zufälle sind! Praktisch gleichzeitig las ich ein Artikel in der Beilage zur Süddeutschen Zeitung „Russland heute“ über den neuen buddhistischen Tempel in Russland, sah einen Film bei der Berlinale „Nachfahren von Dschingis Khan“ und lernte die Arbeiten von Daschi Namdakov kennen. Alles in einem – die Belohnung für das Thema, das ich für Geschäftsbeziehungen mit Rusland und GUS Staaten propagiere: Russland ist vielfältiger als man denkt! (Siehe Seminarbeschreibung: http://www.interkulturell.eu/leistungen/)

Russland ist groß und vielfältig. Die buddhistische Kultur steht nur stellvertretend für alle Religionen, die in Russland praktiziert werden. Die Kalmykien, Mongolen und Burjaten stehen nur stellvertretend für über 100 Nationen und nationale Gruppen, die auf dem russischen Territorium leben. Also: Russen sind nicht gleich Russen und das soll in der persönlichen Ansprache und der täglichen Zusammenarbeit berücksichtigt werden.

Zurück zu russischen Buddhisten. „Buddha möge uns schützen“, – titelt „Russland heute“ einen Artikel über die Einweihung des buddhistischen Tempels in Elista, der Hauptstadt der autonomen Republik Kalmykien, die nicht in Sibirien, sondern in der Wolga-Steppe, 1000 Kilometer südlich von Moskau liegt.

Auf dem Bild ist eine überdimensionale Pagode zu sehen, die eine neun Meter hohe Statue von Buddha beherbergt. Um China nicht zu brüskieren, ist die Einreise von Dalai Lama von der russischen Regierung nicht erlaubt worden, jedoch sind 30 Mönche aus Tibet da, um der Zeremonie Glanz zu verleihen. Auch Authentizität? Denn zur Sowjetzeit war der Buddhismus – so wie alle Religionen – verpönt, zur Stalinzeit gar lebensgefährlich. Mit Ausbruch des 2.Weltkrieges waren viele nationale Minderheiten, so auch die Kalmykien, dem Generalverdacht ausgesetzt, die „fünfte Kolonne“ zu sein, illoyal zu Russland! Das Ergebnis: Deportationen nach Sibirien, die viele mit dem Leben bezahlten. Der physischen Rückkehr nach Kalmykien folgt jetzt auch die geistige Rückbesinnung zu den religiösen Wurzeln ihrer Vorfahren.

Wie der Buddhismus in Russland vor der Gleichschaltung durch Lenin und Stalin aussah, konnten die Besucher der diesjährigen Berlinale im Film „Potomok Tschingis Chana“ erleben. Die Retrospektive „Die rote Traumfabrik“ beschäftigte sich (und sehr viele Zuschauer!) mit den alten sowjetischen Filmen – neben dem hier bekannten Sergei Eisenstein auch mit Verve von Wsewolod Pudowkin. Der Regisseur drehte 1928 in Werchne Udinsk, Burjatien. Er schrieb: «… Ich bin davon fern, den Film „Nachkomme des Tschingis-Khans“ als mein erfolgsreichstes Werk zu sehen, aber die Bedingungen, in denen ich arbeitete, waren wirklich Erfolg bringend für meine schöpferische Praxis. Ich bin an neue, mir ganz unbekannte Stellen gefahren, ich traf mich mit mir völlig unbekannten Menschen. Ich hatte kein im Voraus erdachtes Drehbuch, es existierte lediglich ein grobes Inhaltsgerüst. Das Drehbuch wuchs zusammen mit den lebendigen Beobachtungen. Ich erinnere mich, wie wir die riesigen Hochebenen der Burjate-Mongolei überquerend, das Auto immer wieder anhielten, um die uns plötzlich begegnenden Eindrücke zu fotografieren: die genrehaften Haushaltsbilder, sogar noch nicht wissend, welche Stelle sie im zukünftigen Film einnehmen werden…»

An den Aufnahmen des Filmes nahmen die Ortsbewohner, die Teilnehmer der Partisanenbewegung Burjatiens, Nomaden und Hirten, tausende Reiter aus der Region und „echte“ Lamas teil. Eine der Episoden des Filmes ist im Buddhistischen Kloster Tamtschinski aufgenommen. Die einzigartigen und sehr authentischen Bilder haben immer noch großen ethnographischen Wert, und sorgten gleichzeitig dafür, dass dieser, wenn auch propagandistische Film, aus Respekt gegenüber der Religion, zur Sowjetzeit nicht in den Kinos lief. Man kann ihn übrigens im Internet ohne Verletzung des Copyrights unter dem Titel „Sturm über Asien“ anschauen.

Nicht nur „ethnographisch“ wertvoll, sondern höchst aktuell sind die Plastiken des 1967 in der Tschita-Region, nahe zur chinesischen Grenze geborenen Daschi Namdakov. Der Nachfahren von Lamas und Kriegern verbindet die buddhistische Kultur mit der lokalen schamanischen Tradition und drückt all das mit modernen europäischen Techniken aus. Ein wahres Synergiebündel zwischen Ost und West. Und in diesem Sinne – ein wahrer Russe.

Links: www.russland-heute.de

http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=20126334

http://www.youtube.com/watch?v=ZMEFvFOVgDA&feature=related

http://www.dashi-art.com/

Read more: www.interkulturell.eu

 

Überraschungen gegen Stereotype

 

Sie sind nicht zu übersehen; Sie sind nicht zu unterschätzen! Zum Internationalen Frauentag 8.März (mein Artikel ist veröffentlicht im Ost-West-Kontakt OWC)

Achtung! Gefahr vom Osten: russische Frauen kleiden sich ungewöhnlich weiblich, aber im Geschäft sind sie knallhart. Das irritiert gleichermaßen männliche wie weibliche Deutsche. Aus Sicht der russischen Frauen können sie sich das „leisten“, ihre Weiblichkeit zur Schau zu stellen, denn sie fühlen sich so weit emanzipiert, dass sie es nicht nötig haben, sich den männlichen Erscheinungsnormen anzupassen. Hinzu kommt, dass die meisten Russen viel Wert auf Kleidung und Äußeres legen – sowohl Frauen als auch Männer.

Aber nicht zu äußerlich verhalten sich russische Frauen im Businessbereich anders als ihre Geschlechtsgenossinnen hierzulande. Ihre Teilnahme am Geschäftsleben ist einerseits offenkundiger, andererseits subtiler; aber auf jeden Fall größer als der der Frauen in Deutschland. Grund genug, anlässlich des Internationalen Frauentag diesem Thema nachzugehen.

Geschichte der russischen Emanzipation

In Russland wird der Internationale Frauentag erst seit 1913 gefeiert, seit 1966 ist es ein offizieller Feiertag in der Sowjetunion, und Russland hat diese Tradition im Jahre 2002 übernommen. Weitere Beispiele für Länder, wo sowohl Frauen als auch Männer an diesem Tag frei haben: Turkmenistan, Kuba, Nepal.  In China und auf Madagaskar haben nur Frauen an diesem Tag frei.

Zurück nach Russland. Die Emanzipation in Russland ist fast 100 Jahre alt. Es war Lenins Ehefrau, Gefährtin und Kameradin Nadeschda Konstantinowna Krupskaja, die die Gleichberechtigung der Geschlechter nach der Oktoberrevolution 1917 in einem Gesetz verankern ließ. In der Ehe mit dem späteren Führer Russlands lebte die Lehrerin, die mehrere Fremdsprachen beherrschte, die Gleichberechtigung vor. Ihr politisches Programm, das Krupskaja „Die arbeitende Frau“ nannte, wurde übrigens erstmals in München, im Jahre 1901, gedruckt.

Das Ideal der selbstständigen Frau, die aus freien Stücken, ohne finanzielle Not oder aus einem Anlehnungsbedürfnis heraus, eine Partnerschaft mit einem Mann einging, führte „zwangsläufig“ dazu, dass die Frau eine gute Ausbildung genießen und dementsprechend gleichwertige Arbeiten übernehmen konnte. Der Haushalt sollte von beiden bestritten werden, wobei der Staat durch die Bereitstellung von großen und preiswerten Reinigungsbetrieben und Küchen-Fabriken für Erleichterungen im Alltag sorgte. Mit der Arbeitsteilung im Haushalt und bei der Kindererziehung hapert es noch, in Sachen Ausbildung, Professionalität, sowie der Selbstverständlichkeit eines hochqualifizierten Jobangebotes für Frauen – das hat die russische Gesellschaft inne, und zwar seit Generationen.

Es ist ganz selbstverständlich, dass es an den technischen Universitäten die gleiche Anzahl von männlichen und weiblichen Studentinnen gibt. Ingenieurinnen sind in Russland keine Exotinnen wie in Deutschland, insbesondere in den westlichen Bundesländern. Russische Frauen machen Karriere nicht nur in hierzulande „typisch weiblichen“ Bereichen, wie Personal, Finanzen, Recht, sondern leiten auch Strategiedepartments, verantworten Technologie, EDV oder Qualitätsmanagement.

 

Gender auf Russisch in der Praxis

Zwei Beispiele: Im Weltall sind russische Frauen zwar weniger unterwegs als ihre männlichen Kollegen, aber immerhin weit mehr als ihre ausländischen Kolleginnen. Valentina Tereschkowa war 1963 die erste Kosmonautin. Swetlana Sawizkaja war zweimal im All und sie war die erste Frau, die im offenen Weltraum gearbeitet hat. Elena Kondakowa war die erste Frau, die an einer langen Expedition in dem Weltall   im Jahre 1994 teilnahm. Übrigens, wie für viele Berufsbezeichnungen, gibt es in der russischen Sprache (grammatikalisch) für „Kosmonaut“ keine weibliche Form. Инженер, врач, профессор („inzhener, vratsch, professor“) gelten gleichermaßen für Ingenieure und Ingenieurinnen, Ärzte und Ärztinnen, Professoren und Professorinnen.

Ein anderes Beispiel: Sogar in einem Unternehmen, das aus deutscher Sichtweise  als konservativ gilt bzw. zumindest einer konservativen Brache zugeordnet wird, bei Gazprom, leitete bis vor kurzem als Vorstandsmitglied Frau Vlada Rusakova den Bereich Strategie. Die Achtundfünfzigjährige gutaussehende Ingenieurin ist aktuell als stellvertretende Vorstandsvorsitzende im Gespräch. Sie soll in Zukunft die perspektivische Entwicklung sowie die Projetentwicklung bei Gazprom verantworten (Forbes vom 18.01.2012).

Aus Sicht der deutschen Menschen, die beruflich mit russischen Menschen zu tun haben, sind solche Fälle, in denen eine Frau deutlich erkennbar Professionalität und Macht besitzt, die einfachsten. Viel komplizierter kann es werden, wenn vermeintlich machtlose, sprachlose, nur „hübsch anzusehende“ Frauen in der russischen Delegation sich als Frauen, die das Sagen haben, entpuppen. Werden sie vom westlichen Geschäftspartner unterschätzt (oder wird der Umgang mit ihnen so empfunden), entwickeln sie sich zu Göttinnen der Rache. Schlimmer noch: der als „stumpfer arroganter Macho“ abgestempelter Teilnehmer der deutschen Delegation wird unbarmherzig bekämpft – selten im offenen Kampf, also während der Verhandlungen, aber beim Formulieren des Protokolls oder spätestens beim Umsetzen bzw. Nichtumsetzen des Vereinbarten.

Deswegen: egal, was ein deutscher Manager von Frauenemanzipation hält, egal wie weiblich die russischen Spezialistinnen, Managerinnen, Übersetzerinnen aussehen; sie sollten die gleiche professionelle Wertschätzung erfahren, wie ihre männlichen Kollegen, ihre Meinung sollte erfragt werden, der Blickkontakt muss öfters hergestellt werden, auch auf das Risiko hin, dass der Blick in das Dekolleté gleiten könnte.  Dies ist verzeihlich, eine Nichtbeachtung der Person, Unterwertschätzung der Expertin – nicht!

Deutsche Frauen haben es hier normalerweise einfacher. Am besten versuchen sie  eine freundschaftliche, fast kumpelhafte Beziehung mit ihren russischen Kolleginnen aufzubauen. Ein Angebot des gemeinsamen Shoppings ist kein Fauxpas, sondern ein Vertrauensbeweis – und die Chance, miteinander wärmer zu werden, persönlicher. Es bedeutet keinen Zeitverlust, sondern ist eine Zeitinvestition in einer Geschäftsfreundschaft. Gut fürs Geschäft und gut für die deutschen Frauen, die hier einen „unfairen“ Wettbewerbsvorteil ihren männlichen Kollegen gegenüber umsetzen können.

8. März – Ihre große Chance!

Die Bedeutung des Internationalen Frauentages hat sich stark gewandelt: Aus einem Tag des Kampes für Frauenrechte wurde ein Tag der Verehrung der Frau als solche. An diesem Tag werden tonnenweise Blumen, Flusse von Parfüms und der eine oder andere Diamant verschenkt: an die Ehefrauen, Geliebten, Mütter, Töchter, Schwerstern. Von Ehemänner, Geliebten, Söhnen und Töchtern, Vätern und Brüdern. Auch männliche Kollegen, Chefs und Mitarbeiter müssen „ran“. Blumen sind das Mindeste, gute Pralinen  und französische Parfüms sind kein Tabu. Außerdem bereitet jedes mehr oder weniger ausgeprägte männliche „Kollektiv“ ein Unterhaltungsprogramm für die Arbeitskolleginnen. In allen Branchen und Bildungsschichten kann ein Konzert mit musikalischen, humoristischen und gar tänzerischen Darbietungen monatelang während der Arbeitszeit vorbereitet und am letzten Arbeitstag vor dem 8.März dargeboten werden.

Daraus resultieren folgende praktische Empfehlungen:

–       für Anfang März sollten keine Verhandlungen und Arbeitstreffen geplant werden, deren Vorbereitungen viel Zeitinvestition auf russischer Seite erfordern,

–       alle russischen Kolleginnen und Geschäftspartnerinnen sollten an diesem Tag gratuliert oder besser beschenkt werden: Blumenpost, Versand von Süßigkeiten, zumindest sollte sie am 7. oder 9.März eine Blumenkarte erreichen. Westliche Geschäftsleute punkten umso mehr, weil es von ihnen nicht erwartet wird.

–       wenn am 8. März doch ein Meeting stattfinden muss, sollte es nach Möglichkeit in ein Geschäftsessen umgewandelt werden, an dem auf „Здоровье прекрасных дам!“ (das Wohl der schönen Frauen) geprostet wird, und zwar im Stehen. Dies würde sicher auch deutschen Frauen gut tun. Sie wiederum gratulieren ihren ausländischen Kolleginnen mit einer netten Mail oder einer Einladung zu einem Glas Sekt „между нами девочками“ (unter uns, Mädels).

Last but not least, spätestens am 8.März wird es getanzt, auch nach Geschäftsessen im Restaurant und auf einer Betriebsparty sowieso. Zum Beispiel mit Musik von Alla Pugacheva – DER russischen Frau!

Read more: www.interkulturell.eu

 

September – Ausgabe: „Konzert“

Das Thema des Monats sind ein Film und ein Konzert bzw. der Film, der „Konzert“ heißt. Dem französischen Regisseur Radu Mihaileanu , der selbst in Rumänien aufgewachsen ist, gelang es ein Meisterwerk des interkulturellen Managements zu schaffen.

Zunächst einmal passt das Genre des Films zu diesem Thema: Tragikomödie. Wie oft nach einem unglücklich verlaufenen Meeting mit Teilnehmern aus unterschiedlichen Kulturen weiß man nicht so genau, ob Weinen oder Lachen angebrachter ist. Und der Film ist zu empfehlen, weil am Ende das Menschliche über alle Grenzen – geographische, ideologische und kulturelle – obsiegt.

Ich bin sicher, Ihnen den Spaß nicht zu verderben, wenn ich kurz den Anfang der Geschichte erzähle, denn es gibt in diesem Film noch viel mehr zu entdecken als nur das Drehbuch! Die Handlung spielt in unserer Zeit und beginnt in Moskau. Der ehemals berühmte Dirigent eines immer noch berühmten Orchesters arbeitet nun als Hausmeister im Konzerthaus, denn er wurde vor dreißig Jahren herausgeworfen, weil er sich weigerte, die Regimekritiker, die dazu noch Juden waren, aus dem Orchester auszuschließen. Das Bolschoj Orchester, wie im Film, gibt es zwar nicht, es ist wohl eine Mischung aus dem „Bolschoj Theater“ und dem Moskauer Symphonie Orchester, dessen Chefdirigent Evgenij Swetlanow ein  ähnliches Schicksal erlitt wie der Dirigent im Film. Auf dem Faxgerät des Direktors entdeckt der Dirigent aus dem Film eines Tages ein Fax, in dem ein französisches Konzerthaus anfragt, ob das Orchester in zwei Wochen für ein storniertes Konzert einspringen kann. Zunächst im Geheimen seiner Frau gegenüber, zusammen mit dem nächsten Freund, dem ehemaligen Orchestranten und nun dem Fahrer für Notdienst für psychisch Kranke Sascha, fängt er an, sein eigenes Orchester aufzustellen. 57 Musiker! Der Sascha wird auch zu dem Fahrer des autolosen und wahrscheinlich führerscheinlosen Dirigenten. Zuerst geht er zum ehemaligen Parteiboss des Orchesters, der sein wichtigstes und – vorerst – letztes Konzert abgebrochen hat und für den Rauswurf vom Dirigenten und den „Untreuen“ gesorgt hatte. Dieser ist immer noch ein Kommunist, wobei ziemlich einsam: für die Parteikundgebungen muss er Komparsen einkaufen, diese Dienstleistung übernimmt für ihn – Tragikomödie! – die Ehefrau des gekränkten Dirigenten. Aber er war und ist der beste Manager, spricht – nun ja – fast perfekt Französisch und kann verhandeln. Sie ahnen, die verrückte Sache gelingt doch, und als das Orchester in Paris ankommt, wird klar, dass der parteitreue Manager seine eigene Agenda hat: die alten Seilschaften zu französischen Kommunisten zu aktivieren und für eine 100% Abstimmung (wie damals) für Linientreue auch in Paris zu sorgen.

Zurück zum interkulturellen Kontext des Films. Sie werden hier Russen erleben, die – wie soll es auch anders sein! – unpünktlich, undiszipliniert, zu direkt, leidenschaftlich und permanent am improvisieren sind. Der französische Direktor meint am Anfang des Films, dass es mit Russen viel angenehmer sein wird als mit „blöden langweiligen“ Amis, die abgesagt haben. Das nimmt er dann zurück sobald nur zwei Musiker zur Generalprobe erscheinen. Im Konzert selbst jedoch, wird er ergriffen vom Meister und seiner bunten Truppe, die sich plötzlich als eine Vereinigung der Koryphäen erweist, und so schließt er seinen Frieden mit der russischen Kultur und den Russen.

Wenn Sie den Film sehen – sie haben es ja schon gemerkt, ich empfehle es Ihnen – versuchen Sie die crosskulturelle Spannung Russisch-Französisch aus dem Film auf das interkulturelle Paar Russisch-Deutsch zu projizieren. Denn laut der kulturellen Dimensionen vom niederländischen Professor Hofstede, sind die Franzosen mal den Deutschen und  mal den Russen näher. Zum Beispiel in der Dimension „Unsicherheitsvermeidung“ liegen  die Russen mit ihren 75 Punkten weit höher als die Deutschen (65), aber die Franzosen noch höher als die Russen (86). Die Machtdistanz lassen die Russen nach Hofstede besonders stark spüren (und akzeptieren diese leicht) – 91 Punkte! Die Deutschen mit ihren 35 Punkten liegen quasi auf der anderen Seite der Scala, und die Franzosen so gut wie auf der Mitte zwischen den beiden: 68 Punkte. Im Film kann man oft die Differenzen auf dem Gebiet „Individuell versus Gemeinschaft“ verfolgen. Und gerade in dieser Kulturdimension liegen Deutsche und Franzosen nah bei einander (67 und 71 respektive) und beide recht weit weg von den Russen mit ihren 47 Punkten. Sicher, sie werden erleben, dass das Individuelle im postsowjetischen Russland nun doch eine größere Rolle spielt, die Zeiten ändern sich, der gute alte Hofstede kommt veraltet vor. Sie werden aber im Film auch erleben, wie wenig dreißig Jahre sind für eine Geschichte und für eine Kultur.

Also der Film lohnt sich allein wegen des lehrreichen Stoffs für das interkulturelle Management. Für die Fortgeschrittenen empfehlenswert ist den Film in Originalversion (Russisch und Französisch)  auch wenn sie eine von beiden oder sogar die beide Sprachen nicht sprechen. Der Sound der Sprachen ist wunderbar, fast so schön wie Tschaikowski, der im Konzert am Ende des Films ausgiebig zu hören sein wird! Wobei Tschaikowski für Harmonie und die Sprachen oft für Disharmonie stehen. Aber so ist das Leben im spannenden interkulturellen Umfeld. Im Kino gibt es die deutschen Untertitel, die Sie durch dieses emotionale Chaos führen werden. Und im richtigen Leben reichen wir Ihnen die Hand: irina@interkulturell.eu

Read more: www.interkulturell.eu