Vielfältige Vielfalt

Im Andenken an Frau Professor Gertraude Krell

Der Begriff „Diversity“ erlebt schwierige Zeiten: Abneigung gegen Anglizismen, Ermüdung durch Wiederholungen, ja Argwohn aufgrund vieler schöner Broschüren und Webseiten zu diesem Thema. Dazu kommt, dass jeder Diversity-Beauftragte und Diversity-Forscher bestimmte Schwerpunkte setzt, die oft mit der eigenen Prägung verbunden sind – ganz nach dem Motto „Mein Diversity-Faktor ist der wichtigste“, wohl weil die selbst erlebte Diskriminierung am furchtbarsten erscheint.

Die Autorin dieses Textes betrachtet sich dahingehend aber durchaus selbstkritisch: „Rein zufällig“ beschäftigt sie sich als Migrantin mit kulturellen Prägungen durch die jeweilige Herkunft, und mit interkultureller Kommunikation über die Landes- Religion- und Sprachbarrieren hinweg. Und „rein zufällig“ ist das Thema ihrer aktuellen Forschung „Berufliche Erfolgsfaktoren von Frauen mit Migrationshintergrund“.

Doch die Mechanismen der direkten und der latenten Diskriminierung wegen verschiedener „Diversity-Faktoren“ ähneln sich. Dies gilt auch für die Reaktionen der Betroffenen: sie nehmen meist die ganze Palette der Möglichkeiten ein, vom Kämpfen über das Resignieren bis hin zum Verleugnen. Können aber auch die „Heilmittel“ alle gleich sein? Egal, ob es um Herkunft, Religion, Gender, sexuelle Orientierung, Alter, Behinderung geht?

Die Pionierin der Diversity-Forschung in Deutschland, Gertraude Krell, hat es geschafft, eine fächerübergreifende Beschäftigung mit dem Thema Gender zu etablieren: Aus der Ecke der Soziologie und der Psychologie bugsierte sie das Thema in die Wirtschaftswissenschaften, in die Personalführung und in die Pädagogik. Wir, ihre „Erben“, sollten nun ebenfalls die Schubläden der verschiedenen Diversity-Faktoren verlassen und selbst Vielfalt leben, denn nur VIELFÄLTIGE VIELFALT verspricht Innovationen durch das damit verbundene vernetzte Denken, und gewinnt somit Glaubwürdigkeit in den Augen der Adressaten unserer Botschaften … und bereitet allen Seiten – ganz im Sinne von Frau Krell (s. Foto unten) – Riesenspaß und große Freude.

(Foto: FU Berlin)

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Interkulturelle Unterschiede im Business und im Garten

 Garten in Russland ist nicht Garten in Deutschland

Die Popularität des Gartens wächst in Deutschland. Neue Tendenzen wie junge Paare im Schrebergarten oder Urlaub im eigenen Haus mit Garten, ermöglichen ein rasantes Wachstum der Gartenwirtschaft. Ebenfalls ein ökonomischer Faktor ist der Garten in Russland. Nur nicht für die professionellen Gärtner, sondern auch für die Gärtner, der meistens „Datscha“ genannten Refugien.

Eine repräsentative Umfrage (www.wciom.ru) vom Juli dieses Jahres, weist 3% der Gärtner als solche aus, die ihre Arbeit im Garten für ein Zusatzeinkommen durch den Verkauf ihrer Erzeugnisse sehen. 65% begründen ihre Arbeit auf der Datscha damit, dass die landwirtschaftlichen Erzeugnisse in den Läden und auf dem Markt „Chemie“ von schlechter Qualität wären. 27% der Befragten meinen durch ihre eigene Ernte sparen zu können. Was die Umfrage nicht beleuchtet, aber dafür kann ich bürgen: kaum jemand in Russland würde einen Garten zum rein ästhetischen Vergnügen anlegen.

Nutzgarten: eine Frage der Definition

Neulich hatte ich zu Besuch in Berlin eine russische Wissenschaftlerin, die in Prag arbeitet. Zusammen besuchten wir die Liebermann-Villa am Wannsee. Mit einem sarkastischen Lächeln vernahm Frau Professorin, dass der Künstler seinen selbst geplanten und nun wiederhergestellten Garten als „Nutzgarten“ bezeichnete. „Diese zwei Kleckse Beeten mit Salat und Kräutern inmitten einer großzügigen Blumenpracht soll ein Nutzgarten sein? Bei uns in Russland wäre das Unnutzgarten heißen. Oder meinte er Nutzen für seine Gesundheit, darin zu arbeiten? Hat Liebermann seinen Garten selbst bewirtschaftet?“ Klar, Arbeit in der frischen Luft ist auch nützlich für Körper und Seele. Immerhin begründen 27% der besagten Studie ihre Arbeit auf der Datscha mit der Liebe zur Arbeit mit Mutter Erde, die meisten von ihnen – Einwohner mittelgroßer Städte.

Wie oft wie weit wie lange fahren?

Bei den Bewohner der Metropolen ist es die logistische Hürde, die sie von der Erde trennt: um aus der der Moskauer Innenstadt auf die Datscha rauszukommen, brauchen sie mindestens zwei Stunden Fahrzeit, am besten Samstags früh, wenn die Wahrscheinlichkeit von Staus gering ist. Auf der Rückkehr ist Stop-and-Go vorprogrammiert. Und wie oft fahren die Russen im Durchschnitt auf ihre Datschas: 11% – ein Paar Mal im Jahr, 26% bis 6 Mal im Monat, 30% – 2-3 Mal in der Woche, 16% – fast jeden Tag und 8% verbringen den ganzen Sommer auf der Datscha. Und noch eine Zahl: 40% der Russen haben eine Datscha!

Garten und Datscha als perfektes small talk Thema und der Weg zur Geschäftsfreundschaft

Wenn das nicht DAS Thema für einen small talk im Herbst wäre? Aber bitte fokussieren Sie sich dabei nicht auf Stauden oder auf englische Wiesen. Eine bewundernswerte Tomate oder zumindest gesunde Kräutersorten findet mehr Anklang bei ihrem russischen Gesprächspartner.

So ein small talk bringt sie näher, vielleicht soweit, dass Sie schon bei Ihrer nächsten Dienstreise nach Russland auf der Datscha empfangen werden. Unbedingt die Einladung annehmen, aber bitte die richtige Kleidung für den richtigen Nutzgarten nicht vergessen! Deutsche werden in Russland als fleißig und tüchtig bewundert, enttäuschen Sie nicht diese Erwartung. Und von Luftqualität außerhalb der großen Städte und von der körperlichen Betätigung profitieren Sie ebenso.

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Überraschungen gegen Stereotype im internationalen Geschäft am Beispiel: Russen und Buddha

Das sind die berühmten Zufälle, die keine Zufälle sind! Praktisch gleichzeitig las ich ein Artikel in der Beilage zur Süddeutschen Zeitung „Russland heute“ über den neuen buddhistischen Tempel in Russland, sah einen Film bei der Berlinale „Nachfahren von Dschingis Khan“ und lernte die Arbeiten von Daschi Namdakov kennen. Alles in einem – die Belohnung für das Thema, das ich für Geschäftsbeziehungen mit Rusland und GUS Staaten propagiere: Russland ist vielfältiger als man denkt! (Siehe Seminarbeschreibung: http://www.interkulturell.eu/leistungen/)

Russland ist groß und vielfältig. Die buddhistische Kultur steht nur stellvertretend für alle Religionen, die in Russland praktiziert werden. Die Kalmykien, Mongolen und Burjaten stehen nur stellvertretend für über 100 Nationen und nationale Gruppen, die auf dem russischen Territorium leben. Also: Russen sind nicht gleich Russen und das soll in der persönlichen Ansprache und der täglichen Zusammenarbeit berücksichtigt werden.

Zurück zu russischen Buddhisten. „Buddha möge uns schützen“, – titelt „Russland heute“ einen Artikel über die Einweihung des buddhistischen Tempels in Elista, der Hauptstadt der autonomen Republik Kalmykien, die nicht in Sibirien, sondern in der Wolga-Steppe, 1000 Kilometer südlich von Moskau liegt.

Auf dem Bild ist eine überdimensionale Pagode zu sehen, die eine neun Meter hohe Statue von Buddha beherbergt. Um China nicht zu brüskieren, ist die Einreise von Dalai Lama von der russischen Regierung nicht erlaubt worden, jedoch sind 30 Mönche aus Tibet da, um der Zeremonie Glanz zu verleihen. Auch Authentizität? Denn zur Sowjetzeit war der Buddhismus – so wie alle Religionen – verpönt, zur Stalinzeit gar lebensgefährlich. Mit Ausbruch des 2.Weltkrieges waren viele nationale Minderheiten, so auch die Kalmykien, dem Generalverdacht ausgesetzt, die „fünfte Kolonne“ zu sein, illoyal zu Russland! Das Ergebnis: Deportationen nach Sibirien, die viele mit dem Leben bezahlten. Der physischen Rückkehr nach Kalmykien folgt jetzt auch die geistige Rückbesinnung zu den religiösen Wurzeln ihrer Vorfahren.

Wie der Buddhismus in Russland vor der Gleichschaltung durch Lenin und Stalin aussah, konnten die Besucher der diesjährigen Berlinale im Film „Potomok Tschingis Chana“ erleben. Die Retrospektive „Die rote Traumfabrik“ beschäftigte sich (und sehr viele Zuschauer!) mit den alten sowjetischen Filmen – neben dem hier bekannten Sergei Eisenstein auch mit Verve von Wsewolod Pudowkin. Der Regisseur drehte 1928 in Werchne Udinsk, Burjatien. Er schrieb: «… Ich bin davon fern, den Film „Nachkomme des Tschingis-Khans“ als mein erfolgsreichstes Werk zu sehen, aber die Bedingungen, in denen ich arbeitete, waren wirklich Erfolg bringend für meine schöpferische Praxis. Ich bin an neue, mir ganz unbekannte Stellen gefahren, ich traf mich mit mir völlig unbekannten Menschen. Ich hatte kein im Voraus erdachtes Drehbuch, es existierte lediglich ein grobes Inhaltsgerüst. Das Drehbuch wuchs zusammen mit den lebendigen Beobachtungen. Ich erinnere mich, wie wir die riesigen Hochebenen der Burjate-Mongolei überquerend, das Auto immer wieder anhielten, um die uns plötzlich begegnenden Eindrücke zu fotografieren: die genrehaften Haushaltsbilder, sogar noch nicht wissend, welche Stelle sie im zukünftigen Film einnehmen werden…»

An den Aufnahmen des Filmes nahmen die Ortsbewohner, die Teilnehmer der Partisanenbewegung Burjatiens, Nomaden und Hirten, tausende Reiter aus der Region und „echte“ Lamas teil. Eine der Episoden des Filmes ist im Buddhistischen Kloster Tamtschinski aufgenommen. Die einzigartigen und sehr authentischen Bilder haben immer noch großen ethnographischen Wert, und sorgten gleichzeitig dafür, dass dieser, wenn auch propagandistische Film, aus Respekt gegenüber der Religion, zur Sowjetzeit nicht in den Kinos lief. Man kann ihn übrigens im Internet ohne Verletzung des Copyrights unter dem Titel „Sturm über Asien“ anschauen.

Nicht nur „ethnographisch“ wertvoll, sondern höchst aktuell sind die Plastiken des 1967 in der Tschita-Region, nahe zur chinesischen Grenze geborenen Daschi Namdakov. Der Nachfahren von Lamas und Kriegern verbindet die buddhistische Kultur mit der lokalen schamanischen Tradition und drückt all das mit modernen europäischen Techniken aus. Ein wahres Synergiebündel zwischen Ost und West. Und in diesem Sinne – ein wahrer Russe.

Links: www.russland-heute.de

http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=20126334

http://www.youtube.com/watch?v=ZMEFvFOVgDA&feature=related

http://www.dashi-art.com/

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Überraschungen gegen Stereotype